September 1944: Die Deutschen ziehen sich aus Estland zurück. Christoph Scheerenberg ist aus der deutschen Wehrmacht desertiert und sucht Unterschlupf auf dem Bauernhof seines Freundes Valdur. Hier will es sich von der Front überrollen lassen und auf seinen Freund warten.

Am frühen Morgen erreichte ich den schmalen Weg mit der Sonnenuhr, von der Valdur erzählt hatte. Sein Vater hatte sie gebaut. Die Sonne ging auf, als ich den Pfad einschlug. Ein handtuchbreites Feld, die Garben waren schon gebunden, auf der Böschung die gleichen hohen lila blühenden Unkräuter, die ich damals als Flächen vor dem Hof von Anus Großmutter gesehen hatte. Seitdem sah ich sie überall in Estland, und noch immer kannte ich nicht ihren Namen. Ein großer Bauerngarten: Bohnenstangen, Kohl, Reihen von Möhren, Radis, ein altes Bauernhaus, aus Blockbohlen errichtet, das Dach geflickt, ein Hund schlug an. Nebelschwaden, die über eine Senke lagerten. Der mit Gras bewachsene Hof, von zwei Scheunen eingefasst, das Saunahaus abseits mit dem Giebel zum Moor, auf einem Hügel hinter dem Anwesen ein Holzgerüst, daneben ein ausgebranntes Blockhaus. Die Dorfsternwarte des Vaters. Er hatte als Professor in Tartu gelehrt, Mitte der dreißiger Jahre, als Rentner, ließ er die Sternwarte bauen und brachte den Schülern und Bauern die Mathematik der Sterne bei. Die Sternwarte brannte 1941 aus. Der Vater war ein Unikum gewesen, hatte Valdur mir erzählt. Bis zum ersten Frost rannte er auf dem elterlichen Bauernhof, auf dem er sich als Pensionär zurückgezogen hatte, in kurzen Hosen und Hemd herum. Er sprach mit den Tieren, konnte auch besprechen. Doch die Leidenschaft galt immer seinen Sternen. Jeden ersten Tag im Mai hatte er die estnische Flagge auf dem First des Hauses gehisst. Als Sozialist hatte er dies auch in den zwanzig Jahren zuvor getan, er war Este, also sollte die estnische Flagge wehen, eine logische Schlussfolgerung für den Astronomen, die der bürgerlich-demokratische Beamte des Kreises nachvollzogen hatte. Der neue kommunistische Ratsvorsitzender konnte dies nicht und hatte ihn angeschwärzt. Valdurs Vater wurde verhaftet. Die Familie hörte nie wieder etwas von ihm. Als ich mich dem Hof näherte, schlug ein Hund an.„Jää vait!“ *, winselnd verschwand er in seiner Hütte. Es waren die Minuten vor dem Sonnenaufgang. Die Rufe der Vögel klangen noch verhalten. Der Tag holte noch einmal Luft, bevor er seine Zeit hatte. Langsam kam der rote Feuerball über die Wipfel des nahen Waldes. Mein Pfad führte in eine Senke in der ein kleiner Moorsee, von dem Valdur mir erzählt hatte, liegen musste. Noch immer lagerten Nebelschwaden über dem Boden. Langsam ging ich weiter, von dem Anblick der Natur gefangen. Frieden! Die Sonne hatte jetzt genügend Kraft geschöpft, um die Schleier in der Niederung zu vertreiben. Eine dunkle Wasserfläche lag vor mir, Dampf stieg von ihr in den kühlen Morgen. Als ich mich nieder hockte und meine Hand in das weiche dunkle Wasser tauchte, flatterte schimpfend ein Entenpaar aus dem Schilf auf. Der Frieden dieses Augenblicks war so intensiv. Die Front, eine Stunde von hier entfernt, der Gedanke war nicht vorstellbar. Trotzdem hatte ich den Krieg hinter mir gelassen. Auch wenn ich vielleicht in den nächsten Stunden sterben würde, so hatte ich eine Entscheidung für mich getroffen. Der Dreck, der Gestank der Front mussten von meinem Körper. Nackt warf ich mich ich in das kalte Wasser, mir war es egal, dass ich völlig schutzlos war und schwamm mit tiefen Zügen in die Mitte des Sees.

* dtsch.: “Ruhe!“

Das weiche Wasser des Moorsees umfloss meinen Körper, ja, es schmiegte sich an mich. Tief tauchte ich ein, schmeckte den herben Geschmack des Wassers. Auf dem Rücken treibend, beobachtete ich, wie der Sonnenball in den Himmel schwang. Der See, das wiegende Schilf, die Wiesen schienen noch einmal aufatmen zu wollen, bevor der Krieg auch über diesen Fleck wie eine Naturkatastrophe ziehen würde. Als ich mich zum Ufer wandte, stand eine Gestalt am Ufer. Für einen Moment erschrak ich, doch wenn mir jetzt etwas zustoßen würde, würde das Schicksal einen guten Schlusspunkt mit dem Glück in meinem Herzen setzen. Mit langen Zügen schwamm ich zum Ufer. Eine junge Frau, sie hatte ein graues Leinenhandtuch in den Händen, lächelte mir zu. Abwartend blieb ich im tiefen Wasser. Ihr rundes Gesicht strahlte.„Ihre Angst ist wohl größer als meine, oder?“ Mein Lachen klang verlegen.„Die Angst ist wohl kleiner, als meine Scham aus dem Wasser zu kommen.“„Keine Angst, ich gehe sofort. Als ich sie am Zaun sah, wusste ich, wer Sie sind. Valdur war sich sicher, dass Sie kommen würden. Ein deutscher Offizier, der estnisch spricht und an unserem See zum Baden kommt – das kann nur der Freund meines Bruders sein, richtig? Etwas leichtsinnig, ihre Waffe so liegen zu lassen. Hier, Ihr Handtuch, sonst holen Sie sich noch den Tod. Auf solche Art wäre er allerdings in dieser Zeit ungewöhnlich. Beeilen Sie sich, der Tag wird heute zu kurz für die kommenden Ereignisse werden.“ Valdurs Schwester hatte den Hund weggesperrt, dafür begrüßte mich ein kleiner Junge auf dem Hof. Auch er wusste von mir, fragte nach seinem Vater, wollte wissen, warum ich alleine war. Die Fragen prasselten auf mich ein, bis seine Tante aus der Stalltür guckte und den Jungen zurückrief. „Siimen,ab ins Haus.“Sie strich sich ihr Kopftuch fest.„Eljen ist mein Name. Mein Bruder hat uns viel von Ihnen erzählt.“ Ihr rundes Gesicht färbte sich rot, als sie mir ihre Hand gab. „War Valdur schon hier.“ „Nein, natürlich nicht. Sonst hätte er Ihnen das Handtuch gebracht. Ich muss noch die Kuh melken. In der Küche liegen Sachen meines Mannes. Ziehen Sie sich um und vergraben“,sie zögerte einen Moment, „besser, Sie verbrennen das Zeug. Die Russen finden alles, die Waffe behalten Sie, auch wenn Sie sie hoffentlich nicht benutzen müssen.“ „Danke, ich habe noch Schinken und Speck mit.“ „Unsere Sachen haben wir schon versteckt, lassen Sie den Proviant in der Küche. Dann finden die Russen wenigstens etwas und ziehen vielleicht ab. – Nun machen Sie schon. Ich bin gleich fertig. Und erschrecken Sie nicht, wenn Sie den Alten sehen. Mein Großvater, er ist fast taub und blind“, und sie verschwand im Stall.Die Anweisungen Eljens hatten wie Ratschläge zum Kuchen backen geklungen. Keine Angst, keine Sorge. Erst später begriff ich, dass die Frau soviel erlitten hatte, dass sie nichts Schlimmeres mehr erwarten konnte.Eine alte Bauernküche, Arbeitsort, beheizbarer Aufenthaltsort der Familie, mit Lehm verputzte Wände, vom Rauch vieler Jahre gebeizt.An einem glänzend gescheuerten Tischplatte ein Greis, gekrümmt, die Augen schon ins Jenseits gerichtet. Meinen Gruß erwiderte er nicht, hatte nicht einmal mein Eintreten bemerkt.Als Siimen in die Küche stürmte, belebten sich die Augen des Alten für einen Moment. Meine Sachen waren schnell gewechselt. Aus dem Spiegel schaute mich ein estnischer Landarbeiter an. Valdurs Schwester war mit meinem Aussehen zufrieden. Als sie mir die Aschekuhle im hinteren Teil des Gartens zeigte, hörten wir hinter dem Wald die Abschüsse von Werfern. Über Eljens Gesicht ging ein Schatten. „Sie werden bald da sein. Beeilen Sie sich mit dem Verbrennen.“ Resolut nahm sie mir meine Uniform aus den Händen, hockte sich nieder und stopfte Werg in die Jacke. Etwas Petroleum sollte die Flammen schneller entfachen. „Haben Sie keine Angst vor den Sowjets? Wenn man mich findet, wird man Sie töten.“ Eljen schaute auf, ihre dunklen Augen blickten fragend. „Angst, Doktor? Sicher. Ich stamme aus Petseri, kann russisch. Meinen Mann hat man 1941 in die Rote Armee gesteckt. Ich werde es den Russen erzählen, wenn die mich reden lassen. Findet man Sie, weiß ich von nichts. Was wollen die mir? Da ist der Alte, der Junge, zwei Schweine und die Kuh.“Ihr Gesicht senkte sich. „Natürlich habe ich Angst, dass sie mir etwas antun. Aber ändere ich etwas, wenn ich mich vor Angst verrückt mache?“Gerne hätte ich ihr über das dunkles Haar gestrichen. Mit einem Stock schürte sie die Glut. Als wir die glimmenden Reste in der Grube verscharrten, drang Infanteriefeuer zu uns. Mut müsste ich ihr machen, bloß wie, mir fehlte doch selbst der Mut. In der nächsten Stunde würde sich mein Leben entscheiden, durch eine russische Kugel enden oder die Hoffnung würde mit mir überleben. Mit schnellen Schritten lief Valdurs Schwester zum Saunahaus, das auf schweren Balken ruhend in den Hang zum See gebaut war. Ehe ich helfen konnte, hatte die kleine Frau mühelos die große Truhe im Vorraum beiseite geschoben.Eine Fallluke kam zum Vorschein. „Da hinein. Beeilen Sie sich. Sollten die Russen die Luke entdecken, können Sie mühelos drei Bohlen an der Seeseite des Verschlags lösen und ins Moor flüchten.“Sie griff nach meiner Hand.„Und machen Sie sich keine Sorgen um uns, wenn Sie Schreie hören. Sie müssen entkommen, um Valdur zu berichten.“ „Danke!“ „Schon gut!“ Und sie drückte mich in das Versteck. Ein Regal, darauf einige Literflaschen, ich öffnete eine, das Wasser in ihr schmeckte frisch, die Brotkiste mit dem dunklen Bauernbrot gefüllt, eine Speckseite, an der Bohlenwand ein Hocker und ein grob gezimmertes Tischchen. Der Verschlag war sorgfältig hergerichtet worden. Als ich begriff, dass Eljen mir das Versteck ihrer Familie überließ, wollte ich zu ihr. Es war zu spät. Das Feuer der Front ebbte für einen Atemzug ab, deutlich hörte ich Motorengeräusch, dann Stimmen. Deutsche Kommandos, dann die helle Stimme Eljens.Mein Ohr an die Wand gepresst, konnte ich nicht einmal erahnen, was dort draußen ablief. Nach einer Minute wieder das Motorengeräusch, nun leiser werdend, dann Eljens Schritte, ihre Stimme dumpf über mir.„Es ist nichts passiert. Die Deutschen wollten nur wissen, ob hier schon Russen waren. Bleiben Sie ruhig.“Wieder klapperten ihre Holzsohlen. Die Geräusche der Front drangen nur noch sporadisch zu mir: Gewehrfeuer, MG-Salven, dazwischen die Abschüsse von Panzerkanonen, dann wieder Schweigen. Meine Hilflosigkeit machte mich rasend. Die Augen an einen Spalt gedrückt, schaute ich nach draußen. Den Hof konnte ich nicht sehen, aber einen schmalen Abhang, an seinem Fuß Schilf, dahinter musste schon das Moor sein. Zwanzig, vielleicht dreißig Meter offenes Gelände, dann wäre ich gerettet. Und Eljen? Siimen? Der Alte? Nie wieder würde ich Valdur anschauen können. Die Front schwieg, umso deutlicher hörte ich mein Herz schlagen. Geräusche von Panzerketten, das Dröhnen schwerer Motoren. Es mussten viele sein – sowjetische Panzer, die auf der Straße nach Tõrva fuhren. Stille – die Minuten dehnten sich entsetzlich. Dann Pferdetrappeln, das lauter wurde, Rufe. Russen! Der Hund bellte wild, jaulte auf, verstummte. Eljens Stimme, sie sprach russisch mit ihnen, nur einzelne Wörter, die ich verstand. Meine Mpi entsichert, hatte ich mich hinter dem kleinen Tisch gehockt. Mir war klar, dass ich keine Chance hätte. Wieder Stille, die vom Schnauben eines Pferdes unterbrochen wurde. Die Tür über mir schlug, Schritte, sie durchsuchten den Hof, die Sauna. Eine junge Stimme, flüsternd, direkt über mir, fünf Zentimeter Holz trennte uns, eine Mpi-Garbe durch den Boden – alles wäre für mich vorbeigewesen. „Towarisch Kapitan, zdjesj nemtsev net!”* Fast hätte ich aufgestöhnt. Davongekommen! Kommandos, wenig später holte mich Eljen aus meinem Verschlag. Ihr Gesicht strahlte. „Nichts Doktor, nichts ist geschehen. Ich habe sie nieder geredet, von meinem Mann erzählt, dass er auf ihrer Seite kämpft, dass ich Russisch unterrichtet habe. Eine Flasche Wodka hat der Offizier hier gelassen. Die Front ist schon westlich von uns, Tõrva ist besetzt, haben sie erzählt. Es gibt kaum Widerstand.“Sie schüttelte den Kopf. „Wo sind die Esten, wenn uns schon die Deutschen im Stich lassen?“ Eine halbe Stunde später kamen die nächsten Russen. Dieses Mal hatten wir kein Glück. Zu schnell waren sie gekommen, ich konnte mein Versteck nicht mehr aufsuchen. Es waren Infanteristen, wohl eine Gruppe, die sich in der Deckung des Unterholzes der Hofeinfahrt genähert hatten. Der Hund konnte nur einmal anschlagen, dann streckte ihn ein Schuss nieder. Meine Mpi lag unerreichbar auf einem Holzstapel. Aber was hätte sie uns genützt? Den Besitzer des Hofes mimend, Eljen fest umfasst, den Jungen vor uns, erwarteten wir die Soldaten. Den Alten hatten wir zuvor auf seine Stube gebracht. Die Russen waren eingespielt, einige von ihnen machten sich sofort im Stall zu schaffen. Zwei Soldaten kamen auf uns zu. Der eine taumelte betrunken. Die Schweine schrien in Todesangst, Siimen weinte, als der betrunkene Russe nach ihm griff. Als ich den Russen in seiner Sprache anschrie, stutzte er, alles ging schnell, während er seine Hand hob, um mir ins Gesicht zu schlagen, griff der andere nach Eljen, die sich ihm entwand und fortlief. Schwer traf mich der Schlag, da ich den Jungen festhielt. Wieder schrie ich, irgendwelche Wörter, wirre Beschimpfungen, sie mussten nur denken, dass ich ein Russe war. Wenn sie mich als Verräter niederstreckten, egal, nur Eljen musste leben und der Junge. Wieder trafen mich Fäuste, dann konnte ich ausweichen, der nächste Schlag verfehlte mich, der betrunkene Russe taumelte, stürzte schwer. Als ich mich nach Eljen wandte, sah ich in den Lauf einer Pistole. Mein Körper erstarrte. Alles würde sich vollenden, ich spürte keine Todesangst, sah in die dunklen, hasserfüllten Augen des Infanteristen und verstand ihn fast. Ich war für ihn der Este, der es mit den Deutschen hielt, der gejubelt hatte, als die Russen flohen, der vielleicht in einer deutschen Uniform auf ihn geschossen hatte.

* dtsch.: „Genosse Hauptmann, keine Deutschen hier!“

Unsere Blicke bohrten sich ineinander. Ein geringschätziges Lächeln umspielte seine Lippen, er wartete auf mein Winseln.Noch immer spürte ich keine Angst, war nur etwas erstaunt, dass es nun so enden sollte. Ich hatte während des Krieges auf keinen Menschen, außer auf Leitner, geschossen, hatte geheilt und versorgt und Trost gesprochen. Ich war desertiert, schämte mich für die Verbrechen der Deutschen – und wurde trotzdem gerichtet. Sein Lächeln war verschwunden, seine Augen verengten sich, seine Pupillen waren blassblau, strohblondes Haar schaute unter seinem Helm hervor, vielleicht kam er vom Don, und seine Vorfahren waren Kosaken gewesen. Die Zeit stand still. Siimen schwieg, ein wildes Zucken schüttelte seinen kleinen Körper, aber er war völlig still. Eljen hatte ihre Flucht aufgegeben und stand mit aufgerissenen Augen nur wenige Meter hinter dem Russen. Aus dem Schweinestall schallte Grölen. Ein Russe kam mit einem Fahrrad aus dem hinteren Stall, versuchte einige Meter zu fahren und schlug hin, dabei lachend. Der Betrunkene versuchte sich zu erheben, taumelte wieder zu Boden. Die Zeit stand still. Der Russe hielt noch immer seine Pistole auf meine Stirn gerichtet. Über seiner linken Augenbraue war eine kleine Narbe mit drei Stichen genäht. Die Haut war noch hell in dem braunen Gesicht. Ein Jucken überzog meinen Rücken, eine Bewegung von mir – ich wäre tot. „Sukin syn!“ * Die Stimme zu alt für sein Gesicht. Für einen Moment senkte sich die Pistole, um entsichert zu werden. Als sich der Lauf hob, spürte ich meine Angst. Anu! Ein bestimmender Ruf, und die Zeit löste sich. Im Gesicht des Soldaten Erstaunen, dann Angst. Wieder die befehlende Stimme in meinem Rücken. Von der Seite sah ich die beiden Russen in der offenen Stalltür erstarren. Langsam wandte ich mich um. Nichts geschah. In der Hofeinfahrt stand ein Jeep, auf ihm mehrere Offiziere, einer von ihnen stehend, drohte, sprang aus dem Wagen und kam auf uns zu. Sein Gesicht kam mir von Schritt zu Schritt bekannter vor, doch ich konnte es nicht zuordnen. Als ich grüßte, nickte er mir nur zu, beschimpfte dabei die beiden Soldaten, herrschte den Blonden an, dann mich musternd. Das Gesicht kannte ich, nur woher? Befehle, die Soldaten verschwanden, als Eljen neben mir stand, wandte er sich an uns, strich über Siimes Haar, lächelte. „Sie brauchen keine Angst mehr zu haben. Ich möchte mich für das Auftreten der Soldaten entschuldigen. Es ist Krieg, sie haben viel erlebt. Trotzdem.“ Sein Russisch hatte etwas hart geklungen. Während seine Augen in meinem Gesicht weiter forschten, klopfte er eine Zigarette auf seinen Daumennagel. „Ihnen gehört der Hof?“, fragte er plötzlich auf Deutsch. „Ja, ich bin der Bauer.“Wir hatten beide deutsch gesprochen! „Gut, Ihnen wird nichts passieren, dann viel Glück in Ihrem neuen Leben – Herr Doktor!“, und er drehte sich um. Der Offizier war Leutnant Grünberg, der deutsche Jude, den ich am Heiligen Abend 1943 vor Leningrad verarztet hatte. Nun war er Major. Eljen gab mir einige Decken mit, als ich ihr sagte, dass ich mich in der Nacht im Obstgarten sicherer fühlen würde. Die Hofeinfahrt im Blick, dicht im Rücken das schützende Feld, versuchte ich wenigstens etwas Schlaf zu finden. Mein Kopf kam nicht zur Ruhe. Gestern Labuhn, heute Grünberg. Kreis um Kreis meiner Biographie schloss sich für mich. Anus Kreis, würde auch er sich schließen? In diesen Minuten beschlich mich die Angst, dass eine Macht meine Biographie als nahezu vollendet ansah. Hatte wirklich jeder Mensch sein persönliches Schicksal, das beschloss, wann das eigene Leben gelebt war? Mein Schicksal hieß Anu. Kein böser Geist oder ein Schicksal würde mein Leben bestimmen, sondern meine Liebe zu ihr.

* dtsch.: „Hurensohn!“