Empfindsame Reise ins Baltikum

Über die Gattung des Reisetagebuchs als „Gedächtnis und Kunstform“ wird fortwährend gestritten. Ob Lutz Dettmann (Jahrgang 1961), von Beruf Vermessungstechniker, seine Reiseaufzeichnungen als bewusste Kunstform anlegte, steht dahin. Er zeichnet jedoch lebendig eine Urlaubsreise nach Estland auf, wo vor drei Jahren ihn und seine Familie Freunde erwartet haben. Diese Freundschaft war 1974 durch einen Jugendaustausch zwischen Schwerin und Tallin entstanden. Valdur, Sohn der damaligen Gasteltern, ist inzwischen Vater von zwei Kindern. Zwei Wochen lang schrieb Dettmann Tag für Tag seine Erlebnisse, Beobachtungen, Gedanken, Empfindungen und Erinnerungen auf. In kurzen, zumeist präzisen Sätzen, die häufig Stimmungen malen.
Es wird eine empfindsame Reise. Der Autor findet eine ganz persönliche Art, über Land und Leute zu erzählen. Dem Leser bieten sich eine ausladende Fülle an Stoff und ein überraschender Neuigkeitswert mit atmosphärischen Tallinn, Einkaufen im Supermarkt, der Insel Hiiumaa, zerstörte Militäranlagen und immer wieder faszinierende Beschreibungen von Menschen, denen der Autor begegnet.
Er schildert vor allem überzeugend das Glück einer jahrzehntelangen Freundschaft. Er fragt, was sich verändert hat und was geblieben ist. Es bereitet ihm offenbar Vergnügen, zu vergleichen und Beziehungsfäden zu knüpfen. So entsteht eine spannende Symbiose aus Geschichte und Gegenwart. Nicht immer gelingt die Balance zwischen autobiographischen Reisetagebuch, historischer Rückschau und touristischen Empfehlungen. Die Reisebeschreibung ist denoch ein achtenswerter Dreiklang von bildenden Beobachtungen, schwebenden Reflexionen und Prosa in einer gefälligen Tonart. Lange Zeit erschien das Baltikum Lichtjahre von Europa entfernt zu sein, mehr als eine Tagesreise. Dieses Buch über die „Sommertage in Estland“ öffnet ein Fenster dorthin.

Jürgen Tremper – „Nordkurier“ 09./10.08.2003

Da möcht’ ich auch mal hin…

Eine sehr persönliche Reisebeschreibung von Lutz Dettmann

Wer dieses Buch liest, erfährt eine Menge über das vergangene und das gegenwärtige Leben in Estland, die so eng miteinander verknüpft sind. Man lernt einiges über die Ess- und Trinkgewohnheiten der Esten, über die Besonderheiten der estnischen Sauna, über die Altlasten der Sowjetzeit, über Doppelplumpsklos, das Baronenfest in Kassari, über das Ende der Welt am Strand von Kalana und über vieles mehr. Und alles geschildert im Tonfall eines erfahrenen Reisenden, der weiß, was ihn erwartet und doch immer wieder überrascht, nein überwältigt ist von dem, was er vorfindet. Der mit offenem Blick und offenem Herzen durch die Welt geht und das Staunen über die Schönheit nicht verlernt hat, auch wenn er die Augen nicht vor dem Hässlichen verschließt..

Patricia Fritsch-Lange

November 2002 für die Marginalien der Hans-Fallada-Gesellschaft

Eindrücke aus der Partnerregion

Die estnische Hauptstadt Tallinn ist seit vielen Jahren Partnerstadt der Landes­hauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns. In Vorwendezeiten hatte das einen hohen Stellenwert und gelegentlich wurde dieser durch aufwendige Aktionen wie die so genannten Freundschaftszüge, mit denen neben! Funktionären vor allem Kultur­schaffende und >brave FDJler gen Osten fuhren, mit großem Getöse unterstrichen. Lange Zeit gab es im Altstädtischen Palais zu Schwerin sogar ein Restaurant glei­chen Namens, um dieser Beziehung auchin kulinarisch-kultureller Hinsicht Nachdruck zu verleihen. Aber das ist lange ver­gessen, Stadtgeschichte sozusagen. Diese Einrichtung gibt es schon lange nicht mehr. Allerdings gibt es noch diese Städ­tepartnerschaft, weniger im Bewusstsein der meisten Menschen, mehr als kommu­nalpolitisches Faktum.

Lutz Dettmann, gebürtiger Schweriner – Jahrgang 1961 – und Vorstandsmitglied der Falladagesellschaft hat sich auf den Weg gemacht in das inzwischen selbstän­dig und flügge gewordene Land an der Ostsee, um in Tallinn und im Land Drumherum eine Bestandsaufnahme seiner und unserer Kenntnisse und Beziehungen vor­zunehmen. Sein Vorteil: Eigene Kontakte dorthin seit 1974! Das Ergebnis seiner Neugier liegt nun in Form einer Reisebe­schreibung vor, die soeben unter dem Ti­tel „Sommertage in Estland“ bei Stock & Stein erschienen ist und sogar bei FAZ-­Journalisten positive Reaktionen hervor­rief. Das sehr persönlich gehaltene Tage­buch vermittelt einen sehr direkten unge­schönten Eindruck von dieser Region und ihren Menschen, die ja ebenso wie Lett­land besonders für unser Bundesland zu den künftig bevorzugt zu entwickelnden Handels- und Aktionsfeldern werden soll. Der ebenso flüssig wie leicht fassbare Text erleichtert die Interpretation der Landesspezifik durch eine interessante Ver­mischung sachlicher Informationen mit individuellen lebensnahen Eindrücken.

Rolf Seiffert „Mecklenburg“, Heft 2 /2003