Freitag, 28.08.15, Hazon, 8.00 Uhr

Es ist früh. Meine Frauen schlafen noch. Der Abend gestern wurde lang. Als wir ankamen, tobte ein Kindergeburtstag auf der Anlage. Doch wie von Geisterhand war die ganze Bande mitsamt Eltern, Gästen und Spielzeug innerhalb von Minuten verschwunden. Leuteverteilung auf die Wohnungen, Koordinieren des Gepäcks. Arielle lief wieder zu Hochform auf, Grillen, dann ab ins Bett. Kurz zuvor waren noch Merav und Nadav gekommen. Sie wollen den Sabbat mit uns verbringen.Die Anlage: Ein Holzhaus, dann eine Zeile aus vier Wohnungen, die in der Mitte durch eine offene Sommerküche getrennt ist. Dahinter ein Pool, vor uns eine Kunstrasenwiese und ein herrlicher Blick auf die nahen Berge und einige Dörfer im Hang. Unser Zimmer mit Whirlpool, eine Pantry-Küche(ohne Geschirr) und ein Bad. Alles sehr sauber. Leider befindet sich eine kleine Hühnerfarm fast an der Außenmauer der Anlage. Kaum zu hören, aber bei ungünstigen Wind zu riechen. Nun ist uns auch klar, warum auf der Webseite stand, dass man Tiere beobachten kann.
Yoav, überzeugter Veganer, zeigte sie mir noch gestern Abend und redete von „chickens-jailhouse“, und dass er darum Veganer ist. Er hat ja Recht, trotzdem…Die Anlage auf einem kleinen Hügel, unter uns eine Dorfstraße, darunter ein arabischer Bauernhof, Ziegen, Schafe, einige Kühe. Die Ställe mit Wellblech gedeckt, der Rest wohl aus biblischen Zeiten. Maria und Joseph würden sie wiedererkennen. Der Stall in Bethlehem wird nicht viel anders ausgesehen haben, vom Dach einmal abgesehen. Als ich an der Brüstung stehe, werden vier Kühe aus einem Stall getrieben. Wie Pferde in der Göpel laufen sie stoisch im Kreis, kein Grün unter ihren Hufen, nur Staub. Morgendlicher Weidegang. Oh, wenn ihr die grünen Weiden Mecklenburgs sehen würdet! Ihr armen Viecher. Der da oben wird sich etwas dabei gedacht haben, euch keine Mimik zu geben. Ich denke, ihr würdet weinen. Sie haben sich ihrem Schicksal ergeben, auch weil sie die grünen Weiden Mecklenburgs nicht kennen. Nach einigen Minuten erscheint der Kuhhirt. Ein Pfiff und sie trotten wieder in ihren Stall. Bewegung im Lager der Turmspringer. Erika und Rike sind wach. Auch in den anderen Kemenaten rührt sich was. Die Karawane wird bald wieder zu neuen Abenteuern aufbrechen.

Gegen 23.00 Uhr

Langsam kehrt Ruhe ein. Rike und Erika schlafen schon. Tagebuch schreiben am kleinen Küchentisch, dann ab in das Bett. Die Erlebnisse des Tages noch einmal auf sich wirken lassen, verinnerlichen. Heute Morgen gegen 10.00 Uhr Aufbruch der Karawane nach einigen Anläufen, der L.-Clan musste sich erst sammeln. Unser erstes Ziel auf dem Weg nach Nazareth: Zippori.
Hazon, Maghar, Arraba – Namen wie aus den Märchen, Städte und Dörfer, seit Jahrtausenden besiedelt. Galiläa ist altes Kulturland. Michael hat eine Route gewählt, die durch die alten Dörfer führt. Die Landschaft mit sanften Hügeln, grün, fruchtbar. An den Hängen kleine Dörfer, auseinandergezogen, mit breitem Pinsel hingetupft. Die Straßenränder mit alten Olivenbäumen gesäumt, tiefe Entwässerungsgräben, jetzt trocken, im Winter wichtig, denn dann gibt es hier starke Regenfälle. Nach einer Stunde Fahrt vor uns der Eingang zum Zippori-Nationalpark. Der große Parkplatz verwaist, im Besucherzentrum nur zwei Verkäufer, die den kleinen Shop betreuen. Dann wieder der obligatorische Einführungsfilm, dieses Mal ist unsere Gruppe zweigeteilt, denn ihn gibt es auch auf Deutsch. Die Stadt, ihre ältesten Spuren sind aus dem vorchristlichen Jahrhundert, war am Beginn der christlichen Zeitrechnung eines der bedeutenden Verwaltungszentren der römischen Provinz Galiläa.

Während der jüdischen Rebellion im Jahre Vier vor Christus von den Römern zerstört, wurde es bald wieder aufgebaut. Josephus Flavius nannte die neu entstandene Stadt “Das Ornament von ganz Galiläa”. Dagegen wirkte das nur wenige Kilometer entfernte Nazareth zu Jesus Zeiten wie ein Dorf. Hat Jesus hier vielleicht als Handlanger seines Vaters Dachbalken gerichtet und Nägel eingeschlagen? Dann müsste sofort eine Kirche her und Gläubige würden die alten Straßen bevölkern. Lieber nicht! Dieser Ort ist so schön in seiner Einsamkeit, und die umherhuschenden Eidechsen wären auch verschwunden. Die jüdische Bevölkerung Diocaesareas nahm nicht am Aufstand gegen die Römer 66.n.Ch. teil, so wurde die Stadt verschont und erlebte ihren weiteren Aufschwung. Prächtige Gebäude entstanden, ein Amphitheater, eine Bürgerbasilika. Die Stadt wurde Sitz des Hohen Rates der Juden und zählte 18 Synagogen und Talmudschulen, an denen berühmte jüdische Gelehrte unterrichteten. Die Römer gingen, die Stadt wurde byzantinisch, Sitz eines Bischofs, dann kamen die Kreuzritter und gingen…1948 eroberten israelische Truppen die Reste der einst Schönen und vertrieben die wenigen arabischen Bewohner. Bereits 1930 begannen amerikanische Archäologen mit den Ausgrabungen der Ruinen, seit den 90er Jahren werden diese verstärkt durchgeführt. Hitze empfängt uns, als wir aus dem klimatisierten Informationszentrum in die Mittagssonne treten. Wasser fassen, den Baedeker und auf geht es zu den berühmten Mosaikfußböden. Nach wenigen hundert Metern tauchen wir in das freigelegte Labyrinth der alten römischen Stadt. Wie von Riesenhand gekippte Dominosteine türmen sich Kapitelle, behauene Steine und Trümmer und zeigen die Grundrisse der römischen Bauten. Zwei Hauptstraßen sind freigelegt, eine führt zum ehemaligen Markt.

Den verschwundenen Reichtum erleben, den Alltag einer römischen Stadt: Markttag ist, Männer und Frauen schieben sich durch die Gassen der Stände und Wagen. Die Bauern der Umgebung halten ihre Waren feil. Ein Diener schafft Platz für seine Herrin, schiebt die Feilschenden beiseite. Die Patrizierin hält vor einem Wagen und lässt sich von ihrer Magd Feigen und Granatäpfel zeigen. Ein Blick der reichen Dame, ein angedeutetes Nicken zu ihrer Magd. Diese nennt einen Preis. Der Bauer will mit ihr handeln, doch verstummt unter dem Blick der Dame. Juden eilen zur Hauptsynagoge am Rande des Hügels, der sich über der Stadt erhebt. Rabbi Juda Hanassi, die höchste geistige Autorität der Juden, soll heute aus Jerusalem zurückgekehrt sein. Plötzlich Schreie und Schimpfen auf der Via Decumanus. Ein Karren, dessen Bauer Brote zum Markt bringen wollte, ist in einer der Fahrspuren hängengeblieben und umgekippt. Gassenjungen und Arme stürzen sich auf die Brotlaibe, bevor die Stadtsoldaten die Fracht sichern können. In dem gebrochenen Marmor sieht man noch heute die Spuren der vielen Wagen und Karren, die sich mit ihren schweren Lasten vor 2000 Jahren in den Stein eingegraben haben. Überall kann man klettern, schauen und entdecken. Unser erstes Ziel das „Nil-Haus“, einst Patriziervilla. Heute haben sich nur die Grundrisse der Mauern und wunderschöne Mosaiks erhalten. Unter Blechdächern geschützt, versprühen die Mosaikfußböden noch nach 2000 Jahren herrlich intensive Farben. Tiger, Gazellen, Fische, Lebewesen die im und in den fruchtbaren Gebieten des Nils lebten sind abgebildet, Reiter, Jäger. Ausschnitte aus dem Leben in römischer Zeit. Zentauren, Amazonen der griechischen Mythologie. Zwei Arbeiter kennzeichnen auf einer Stele den Stand des Nilhochwassers, das den fruchtbaren Schlamm mit sich führt. Anhand der Höhe wurden die Steuern der Bauern errechnet. Überall gibt es etwas zu entdecken: das Orpheus-Haus, benannt nach den Mosaiks, zeigt im größten Raum Szenen aus seinem Leben, andere Fußböden faszinieren durch die Schlichtheit und Geometrie ihrer Muster. Welche Pracht müssen diese Gebäude damals gehabt haben!