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Der Graben

Maria, Gott – es ist schon so lange her. 70 Jahre sind seitdem vergangen, und trotzdem muss ich noch immer jedes Jahr zu Weihnachten davon erzählen.Ja, ich weiß, Du hast immer gesagt, ich muss einen Abschluss finden, sonst würde ich nie zur Ruhe kommen. Nie wolltest Du die Geschichte in den letzten Jahren, als es Dir nicht mehr gut ging, hören. Doch es ist unsere gemeinsame Geschichte, die Geschichte unserer Familie. Hätte ich dieses Erlebnis am Heiligen Abend 1914 an der Front bei Lüttich nicht erlebt, hätten wir uns nie gefunden! Nie hätten wir diese entzückenden Kinder gehabt, die nun selber Kinder haben. Für sie werde ich diese Geschichte aufschreiben, denn sie darf nicht in Vergessenheit geraten, solange es noch Kriege gibt. Ich werde sie nicht mehr erzählen, das verspreche ich Dir. Ich werde sie aufschreiben, von nun an schweigen. Doch die Geschichte muss bleiben.  Wer weiß denn, wann ich gehen werde? Maria, Du kannst nicht mehr mit mir zürnen, dass ich wieder und wieder davon erzähle. Verstehe mich, bitte. Aber dieser Weihnachtstag dort im Dreck des Schützengrabens hat mein Leben geprägt – auch Deins. Seitdem weiß ich, dass es gute Menschen gibt, überall, egal welche Sprache sie sprechen. Maria, damals, als ich Dich kennenlernte, warst Du Mary.
Der Juli 1914 war schön gewesen. Kaiserwetter herrschte, wie man damals sagte. Ich hatte mein Abitur gemacht, im Herbst würde ich meinen Einjährigfreiwilligendienst bei den 89ern in der Residenzstadt ableisten, danach nach Berlin an die Universität gehen, um Sprachen zu studieren. Ich liebte die englische Sprache, Großbritannien interessierte mich, auch wenn der Kaiser gegen das perfide Albion schimpfte. Und seit zwei Monaten kannte ich Hedwig, die Tochter des Kammergerichtsrats Neumann, ein wunderschönes Mädchen. Aber das habe ich Dir nie erzählt, Marie. Du warst auch noch im Alter eifersüchtig, obwohl Du nie ein Grund dazu hattest, denn ich habe Dich immer geliebt.
Hedwig und ich promenierten im Schlosspark oder saßen im „Resi“ am Markt. Die Mädchen  in ihren hellen Kleidern, auch die Jungen elegant gekleidet. Ich sehe noch heute so viele Farben, die diesen letzten Monat des Friedens verschönerten. Danach wurde alles grau. Meiner Familie ging es gut, Vater verdiente Geld in seiner Praxis in der Alexandrinenstraße. Er hatte sogar Patienten des großherzoglichen Hofes. Wir lebten im Frieden, und niemand ahnte, was uns bevorstehen sollte, selbst nicht, als der Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau ermordet wurden. Sarajevo war weit! Doch einige Wochen später sah alles anders aus. Ja, auch ich jubelte, und Hedwig und meine Eltern, alle jubelten, als der Krieg ausbrach und unser großer Kaiser den Franzosen und der Welt den Handschuh hinwarf. Uns ging es gut, wir waren reich und gut gerüstet. Und überhaupt, wer wollte uns? Der Frieden war schon zu alt und unser Platz an der Sonne noch so klein. Meine ganze Klasse meldete sich freiwillig, natürlich auch ich. Weihnachten würden wir daheim sein, im Lorbeerkranz.  Das sagten alle – und alle sollten sich täuschen.
Gott, was waren wir überheblich! In meinem alten Kalender von 1914 steht für den 14.September: „Hurra! Ich bin gemustert. Jetzt geht es den Franzosen an die Gurgel.“
Gott, was war ich naiv! Am 20.09.1914 rückte ich mit meinen Klassenkameraden in das Rekrutendepot ein. Unsere Zugspitze war schon am Marienpalais, während ich noch am Ende der Kolonne in der Knaudtstraße war. Die Menschen jubelten, Hedwig drängte sich durch die Reihen und umarmte mich vor allen. Sie war schön, Marie. Nicht so wie Du – nein – aber sie war ein hübsches Mädchen. Ich war so stolz und konnte es nicht erwarten, es den Russen oder den Franzosen zu zeigen.  Die Grundausbildung war hart. Wieder und wieder trieb man uns über den riesigen Exerzierplatz auf dem Großen Dreesch. Du kennst die Stellen. Ich habe sie Dir damals gezeigt, bevor die Hochhäuser dort standen. Brumm hieß unser Ausbildungsfeldwebel. Er hasste Menschen, die gebildeter waren als er und schliff uns auf dem Acker, dass wir bluteten, nicht nur körperlich, sondern auch in der Seele. Ich stellte mir keine Fragen, warum das so sei, wollte hart werden für den Kaiser und für das Vaterland, wohl auch für Gott. Damals fragte ich mich noch nicht, warum der Gott des Friedens nun ein Kriegsgott  geworden war. Ich wollte nur an die Front, Hedwig zeigen, was für ein Kerl ich sei. Den Russen, den Franzosen, der ganzen Welt auf den Helm schlagen. Marie, heute sind diese Gedanken für mich unvorstellbar. Der dort über den Boden robbte, war nicht ich. –Doch, ich war es! So waren wir alle, damals.
Dann im Herbst, ich glaube, es war Ende Oktober, ging es an die Front. Teile unseres Regiments waren sächsischen und bayerischen Truppen zugeordnet worden. Wir sollten nach Westen, nach Flandern, in die Nähe von Messines. Hier stürmte man schon nicht mehr nach Paris. Schützengräben, Stacheldraht, Bunker. So sah der Vormarsch aus. Keiner glaubte mehr, dass er Weihnachten zu Hause verbringen würde. Wir brannten vor Ungeduld. Die Soldaten dort vorne waren für uns Schlappschwänze. Wir wollten stürmen, uns nicht eingraben. Unsere Devise hieß „Vorwärts!“.
Am ersten Abend an der Front, wir waren in einer Schule in einem halbzerstörten Dorf untergebracht, erhielt ich von Hedwig einen Brief mit der Mitteilung, dass sie mich für einen Feldwebel verlassen hatte. Für mich brach eine Welt zusammen. Versteh mich, Marie. Ich war gerade 20 geworden. Sie war meine erste Liebe gewesen. Nein, nicht so wie ich Dich liebe. Trotzdem. Ich war voller Hass, nicht auf Hedwig, nein auf die Franzosen, denn wäre ich nicht an der Front, wäre sie bei mir geblieben. So dumm war ich damals.
Zwei Tage später wurden wir als Ersatz an die Front geschickt. Die Truppe, die wir ablösen sollten, kam uns entgegen. Verhärmt, schmutzig, die Pickel an ihren Helmen hatten sie abgebrochen, um in den Gräben kein leichtes Ziel zu sein. Sie lachten nur über uns, als wir uns nach dem Feind erkundigten. Alt sahen sie aus, nicht wie Sieger und waren doch nicht viel älter als wir.
Ich glaubte noch immer an unseren Sieg, wir alle glaubten daran. Granatfeuer, Feuerüberfälle, die Einschläge der Artillerie, Postengefechte. Die Angst zu sterben war immer dabei,  und ich fragte nicht nach dem „Warum?“. Für mich ist das heute nicht begreifbar. Als wir nach 14 Tagen abgelöst wurden, war von unserer Kompanie die Hälfte gefallen. Kinder – wir waren fast Kinder, Marie. Was hätten diese jungen Männer noch leisten können? Wie viel Leid ertrugen ihre Familien? Als ich in den Spiegel sah, erkannte ich mich nicht wieder. Auch ich war alt geworden.
Marie, Du kennst die Geschichten vom Krieg, auch unsere Kinder, auch die Enkel. Ich muss sie trotzdem aufschreiben. Dieser Krieg hat mich und dadurch unsere Familie, ja unsere Zeit geprägt.
Der November in Flandern ist nass, schlammig und trübe. Wir hockten in unseren Gräben bis zu den Knien im Schlamm, wir wurden krank und hockten weiter im Dreck. Vom Feind sah man so gut wie nichts. Ihm wird es nicht anders ergangen sein. Ich fragte mich zum ersten Mal, warum ich hier litt. Die Briten, nur 200 Meter entfernt, was suchten sie hier in Flandern? Waren sie gerne hier, hassten sie uns, so wie wir sie hassten? Hasste ich die Briten? Sie hatten mir nichts getan, waren nicht in mein Vaterland eingefallen. Sie halfen den Franzosen, in deren Land wir standen. Was suchten wir hier? Der Kaiser hatte gesagt, dass die Franzosen uns angreifen wollten, darum waren wir ihnen zuvorgekommen. Ich kannte nur einen Franzosen, und der war mein Lehrer gewesen. Mein Englischlehrer hatte in mir die Liebe zu seiner Sprache geweckt. Immer mehr Fragen beschäftigten mich, ich fand keine Antworten und konnte niemanden fragen. Trotzdem funktionierte ich, schoss, wollte nur leben und zermarterte mir danach wieder meinen Kopf.
Unser Kompanieführer schimpfte auf die Franzosen, auf die Briten. Immer mehr von uns schwiegen, wenn er seine Hasstiraden losließ. Anfang Dezember versuchten die Briten einen größeren Angriff. Sie kamen bis in den ersten Graben, ich war vorne, hatte meinen ersten Nahkampf und erstach einen von ihnen.
Marie, sein Gesicht habe ich nie vergessen, seine Augen, so fragend, den Sinn seines Sterbens nicht verstehend. Er war so viel älter als ich, hätte fast mein Vater sein können. Mein Vater, der so stolz auf mich war, dass ich freiwillig kämpfte, ob er noch immer stolz auf mich sein würde? Später habe ich ihn gefragt. Marie, er hat meine Frage nie verstanden. Der Mann war Schotte gewesen. Ich hockte noch neben dem Toten, als mein Leutnant kam und mir gratulierte. Ich war ein Mörder, den man Held nannte. Ein Held, der heulte. Die Kameraden träumten vom Sieg und fetter Beute, und ich zermarterte mir meinen Kopf über den Sinn des Krieges und fand keine Antwort.
Ende November brach der Winter über das Land. Der Schlamm erstarrte zu einem steinharten braunen Boden, Nebel lag tagelang zwischen den Gräben. Die Briten schickten Spähtrupps zu uns, wir zu ihnen. Keiner unserer Leute kam zurück. Dann brach eine Kälte über das Land, als wollte Gott die Menschen strafen, die seine Natur zerstörten. Stille lag über den geschundenen Feldern, der Krieg erstarrte. Dann, in der zweiten Dezemberwoche, begann es zu schneien.
Eine weiße Decke legte sich über Gräben, Stacheldrahtverhaue, geborstene Bäume, zerstörtes Material, über die nicht geborgenen Leichen im Niemandsland. Außer einigen kleinen Geplänkeln zwischen uns und den Briten schien der Krieg in eine Starre zu fallen. Eine Verwandlung ging in den harten Kämpfern vor. Wurde vor wenigen Wochen  noch über den Ausgang des Krieges schwadroniert, so fanden sich jetzt immer mehr meiner Kameraden zusammen, um von ihrer Heimat zu erzählen. Diese Soldaten, die gnadenlos im Nahkampf ihren Gegner töteten, die kein Erbarmen kannten, nur Hass, heulten heimlich, weil sie Heimweh nach ihren Familien hatten. Oft sah ich einen meiner Kameraden mit einem Bild oder einem Brief in einer Ecke sitzen. Auch ich spürte eine Weichheit in mir, die mit der Nähe des Weihnachtsfestes immer stärker wurde.
In der letzten Vorweihnachtswoche kamen die Liebesgaben aus der Heimat. Auch Hedwig schickte mir ein Paket. Ich verstand nicht, was das sollte. Wollte sie meine verheilte Wunde aufreißen, sich in patriotischem Pflichtgefühl beweisen? Ich gab das Paket ungeöffnet einem Kameraden.
Am 24.Dezember hielt unser Kompaniechef  seine Weihnachtsansprache. Da wurde von Sieg und Kaiser, vom bösen Albion und unserer Stärke gesprochen. Danach wurde der Tagesbefehl verlesen. Ich war mit zwei Rostockern für den Heiligen Abend als Posten in die vorderste Stellung kommandiert. Mir war das egal. Niemand sagte etwas beim Wegtreten. Wir waren bedrückt und hatten Sehnsucht nach unseren Familien.
Der Heilige Abend senkte sich über das zerstörte Land. Der Himmel war am Nachmittag aufgeklart, die Sterne standen hoch am Himmel, und die Nacht schien kalt zu werden. Auf die Brustwehr gestützt, beobachtete ich den britischen Graben. Nichts rührte sich dort drüben, kein Lichtschein war zu sehen, kein Geräusch drang zu mir herüber. Es war die Nacht des Jahres, sie würde ruhig werden. Ich ließ mich an der Grabenwand nieder, steckte mir eine Zigarette an und grübelte. Plötzlich zuckte ein Lichtschein aus unserem Postenbunker. Schuhmann schälte sich aus dem engen Schacht. Hinter ihm leuchtete es hell aus dem Bunker.
„He, seid ihr verrückt? Wenn der Tommy das Licht sieht, sind wir tot.“
„Nein, Albrecht, nicht in dieser Nacht. Sieh, was wir gebastelt haben. Der Meyer ist Schreiner.“
Und Schuhmann lehnte in der Bunkeröffnung und hob einen winzigen Baum, nein, es war kein Baum, sondern ein Besenstiel, der mit Holzspänen beklebt und angemalt war, hoch. Auf den eingebohrten Seitenstäben saßen vier oder fünf Kerzen, die in der kalten windstillen Winterluft ruhig brannten. Marie, in diesem Moment hatte ich ein Gefühl des Glücks. So etwas hatte ich nicht einmal als Kind beim Weihnachtsfest erlebt.  Dieser ruhige Schein, eingehüllt in die Stille des Weihnachtsabends, ließ alle Gräuel und Schrecken der vergangenen Monate von mir abfallen. Ich war mitten im Frieden – im Krieg. Und auch Schuhmann und Meyer müssen so gedacht haben, ihre Augen sprachen eine deutliche Sprache.
„Und nun?“, wollte ich wissen. „Was machen wir mit dem Baum? Wenn die Tommys das Licht sehen, schießen sie sofort herüber. Dann ist die Hölle los.“
„Nichts werden sie tun, glaubt mir, heute ist der Heilige Abend. Auch sie wollen Weihnachten ihre Ruhe haben. Den Baum werden wir auf den Graben stellen. Sollen sie sehen, dass auch wir  Menschen sind, die die christlichen Gebote ehren.“
Schuhmanns Lächeln wirkte verlegen.                                                                                                           „Wenigstens in dieser Nacht.“
Vorsichtig stellte Josef den kleinen Baum auf die Grabenkrone, und ruhig brannten die Lichter und sendeten ihr Licht in den etwa 200 Meter entfernten Graben der Schotten. Nichts geschah, kein Ruf, kein Schuss. Immer wieder schauten wir vorsichtig über die Böschung. Nichts! Wir hatten auch keine Angst vor unseren Vorgesetzten. Der Baum würde uns in dieser Nacht beschützen, so glaubten wir.
Dann, es waren vielleicht fünf Minuten vergangen, rief uns jemand vom schottischen Graben auf Deutsch an. Ich höre die Stimme noch heute:
„Kameraden, danke für das Licht!“
Die Stimme klang tief, die Sprache war fast akzentfrei.
„Wir schießen nicht! Kommt rüber! Wir haben Whiskey und Cornedbeef. Lasst uns anstoßen auf diese Nacht!“
Schuhmann schaute mich an. Ich sah im Licht des Baumes, wie sein Gesicht arbeitete.
„Was ist, Albrecht? Wollen wir rüber? Es merkt niemand.“
„Und wenn sie uns umbringen?“
„Nichts werden sie tun, glaub mir.“
„Und du, Mayer? Was meinst du?“
„Ich weiß nicht so recht. Wenn uns der Leutnant erwischt, der denkt, wir wollten desertieren.“
Wir waren noch beim Überlegen, als plötzlich ein Lichtschein flackernd über den englischen Gräben stand. Durch das Glas konnte ich deutlich einen kleinen Baum, mit Lichtern bestückt, erkennen.  Und dann, eine Gänsehaut läuft mir noch heute den Rücken hinunter, klang ein Gesang über das Niemandsland, den ich niemals vergessen werde.  Eine tiefe Stimme sang die ersten Zeilen von „Silient night“, und dann fielen mehrere Stimmen ein. Der Gesang kam zu uns herüber, nahm mich mit, auch die anderen neben mir waren sprachlos und ergriffen.
Marie, inmitten des Krieges sangen Männer dieses Lied, welches unser Weihnachtslied schlechthin ist, in einer Sprache, die der Feind sprach. In diesen Augenblicken waren wir keine Feinde, wir waren Menschen, die Sehnsucht nach Frieden hatten, Heimweh nach ihren Lieben, die nur nach Hause wollten, studieren, ihre Äcker bestellen, die arbeiten wollten. Glaub mir, in diesem Moment standen mir Tränen in den Augen. Dann stimmten wir leise das Lied der „Stillen Nacht“ an, sangen es mit den Schotten gemeinsam, jeder in seiner Sprache und verstanden uns doch über den Gräben. Still brannten die Kerzen an unserem Baum hinunter, und auch drüben wurde das Licht schwächer. Eine Stille und Dunkelheit breitete sich aus, kein Schuss zerriss die Stille.
Es war Frieden in dieser Nacht. Und doch wussten wir, dass dieser Frieden trügerisch war. Als unsere Ablösung kam, waren wir noch immer von dem Erlebnis berührt.
Marie, Du kennst die Geschichte, weißt wie sie weitergeht. Niemand kennt sie so gut wie Du – es ist ja unsere Geschichte, auch wenn Du nicht mehr hier bist. Was schreibe ich? Natürlich bist Du hier. Du wirst immer bei mir sein. – Lass mich weiter erzählen, alle müssen sie kennen in der Familie, die ungeborenen Urenkel, ihre Kinder und Kindeskinder. Es ist die Geschichte unserer, ihrer Familien. Ja, Du hast sie so oft gehört, auch unsere Söhne mit ihren Familien. Trotzdem, lass mich erzählen.
Am nächsten Morgen weckte mich Feldwebel Kurth, denn ab 9.00 Uhr hatte ich meine Bereitschaft. Der Feldwebel, sonst ein maulfauler Bauer aus dem Dithmarschen, strahlte wie bei der Bescherung.
„Los hoch, Gefreiter. Das müssen Sie sehen, was vorne zwischen den Gräben los ist. Kommen Sie, schnell.“
Ich war sofort hellwach, doch einen Angriff konnte er nicht meinen, sonst hätte ich Feuer gehört. Ohne auf Deckung zu achten, rannte der Feldwebel bereits durch den Stichgraben, um an den vorderen Gaben zu gelangen. Ich folgte ihm, blieb dann vor Erstaunen an der Brustwehr des Laufgrabens stehen. Vor mir, im Niemandsland, in dem sonst kein Mensch auch nur eine Sekunde aufrecht stehend überleben würde, tummelten sich erdbraune und feldgraue Gestalten. Ich glaubte zu träumen. Da standen an die hundert Deutsche und Briten in kleinen Gruppen herum, erzählten, lachten, tauschten kleine Sachen untereinander. Sogar einige Kompanieführer sah ich.  Ich sah Schuhmann und noch ein paar Gefreite der 2.Kompanie mit einigen Schotten, an einen der spanischen Reiter lehnend, Zigarren rauchen. Ein dicker Brite bot Schuhmann einen Schluck aus einer Schnapsflasche an, der lachte, sah mich und winkte. Marie, es war wie ein Traum! Über allen strahlte eine Wintersonne, der Himmel  stand stahlblau in der Kälte. Für einen Moment glaubte ich, dass der Krieg vorbei sei. Für einen winzigen Moment, dann begriff ich, dass der Zauber des Weihnachtsmorgens aus Feinden Freunde gemacht hatte. Für diese Minuten, vielleicht für einige Stunden war Friede, der filigran und zerbrechlich war  wie der Raureif auf der geborstenen Lafette, die neben mir aus einem Trichter ragte. Als ich mich über den Wall des Grabens schwang, sah ich einen schottischen Sergeanten, er trug  selbst bei dieser Kälte seinen Rock, mir zuwinken. Marie, Du weißt, wer es war. Sein Lachen, sein freundliches Gesicht nahmen mich sofort gefangen. Wie von magischen Zwängen gelenkt, ging ich auf ihn zu. Kameraden sprachen mich an, auch Briten, ich nickte, sagte ein, vielleicht zwei Sätze. Und das Lachen, die freundlichen Augen des Schotten zogen mich zu ihm. Dann standen wir uns gegenüber, erst jetzt sah ich, dass er viel älter war als ich. Sein Gesicht wirkte offen, ja gütig. Er musterte mich noch immer lächelnd, öffnete seinen Mund.
„Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest, junger Freund.“
Sein Deutsch war völlig akzentfrei, und bevor ich etwas erwidern konnte, hatte er mich umarmt. – Sag nicht, dass ich die Geschichte so oft erzählt habe. Ich muss sie für die anderen erzählen. – Die Zeit verging an diesem Weihnachtsmorgen viel zu schnell. Um uns lärmten die Soldaten, die Stimmung stieg von Minute zu Minute. Kein hoher Offizier griff ein, denn die waren in Messines in der Kirche. Eine Gruppe jagte hinter einem Lumpenball hinterher, erwachsene Männer kugelten sich im Schnee, andere machten eine Schneeballschlacht. Ein Deutscher und ein Schotte standen abseits der Menschen und erzählten sich ihre Geschichte. Der eine hatte noch vor wenigen Monaten behütet bei seinen Eltern in  der Residenzstadt eines kleinen Großherzogtums gelebt, war gerade 20 geworden und wollte später studieren. Sein Heldentum war zerbrochen, er war auf der Suche nach dem WARUM und hatte Sehnsucht nach daheim.  Der andere  war fast 50 Jahre alt und arbeitete als Dozent an der School of Art in Glasgow. Vor vielen Jahren hatte er in Deutschland studiert und dessen Sprache, dessen Dichter und Maler lieben gelernt und war verzweifelt, was aus den Deutschen geworden war.  Und sie erzählten von sich und von den Büchern, die sie liebten, von ihren Familien. Und der Junge erzählte von dem Mädchen, das sich von ihm getrennt hatte. Und der Ältere erzählte von dem Verlust eines Kindes.  Sie waren allein, hörten nicht ihre Kameraden, dachten nicht an den Krieg, spürten nur ein Gefühl, als ob sie sich schon lange kannten.
Dann, einem unbekannten Gesetz folgend, löste sich dieser erdbraungraue Haufen, der noch eben gelacht hatte, langsam auf, denn Briten und Deutsche wussten, dass ihre Offiziere dieses Treiben nicht dulden würden, und man verabredete sich wieder für den zweiten Weihnachtstag um dieselbe Zeit. Niemand würde etwas in den eigenen Gräben darüber verlauten lassen. Der junge Gefreite und der schottische Sergeant  beschlossen, dass sie sich am nächsten Morgen wieder alleine unterhalten wollten. Der Abschied war kurz und herzlich. Man wendete sich noch einmal dem anderen zu, als man schon einen Teil seines Weges gegangen war, hob die Hand, lächelte und nickte.
Marie, glaube mir, ich hatte ein wunderbares Gefühl.
Wir waren aufgedreht wie Kinder nach der Bescherung. Es war unglaublich – aus Feinden waren Freunde geworden. Doch wie sollte es weitergehen? Niemand stellte an diesem Tag diese Frage, sie stand im Raum, und alle wussten, dass der Krieg wieder beginnen würde. Die Leutnants, die bei der Verbrüderung dabei gewesen waren, meldeten, vielleicht auch aus Angst, nichts unseren Offizieren.
So fanden wir uns am zweiten Weihnachtstag wieder zwischen den Gräben. Jeder von uns spürte, dass dies unser letztes Treffen sein würde. Es war so paradox! Heute waren wir noch Freunde, morgen würden wir wieder aufeinander schießen. Doch in diesem Wissen, waren die Verbrüderungen umso herzlicher. Meinen schottischen Sergeanten sah ich schon von weitem. Wieder hatte er sein gewinnendes Lachen. Seine Umarmung war so herzlich. Ich hatte das Stundenbuch von Rilke mit und überreichte es ihm. Er begann laut zu lachen und überreichte mir Oscar Wildes „Ballade vom Zuchthaus zu Reading“.
„Ihr Krauts seid schon solche Hunnen“, er zog mich dabei in seinen Arm, „überreicht dem Feind Gedichtbände und bringt ihn am nächsten Tag  um.“ Wieder hatte ich dieses Gefühl neben einem alten Freund zu stehen, der mich verstand, der meine Gedanken fast erraten und mir Rat geben konnte. Wir sprachen über den Krieg und ob man seine Menschlichkeit inmitten dieses Grauens behalten konnte. Er war klug und ich unreif, ein halbes Kind noch, und trotzdem war ich ihm ein ebenbürtiger Gesprächspartner, der mich akzeptierte und nichts Lehrerhaftes hatte. – Dann war alles vorbei. Niemand hatte das Rauschen gehört, das von weit hinten gekommen sein musste, dem kurzen Orgelton folgte eine ohrenbetäubende Detonation. Ein deutsches Ferngeschütz hatte einen tödlichen Weihnachtsgruß zwischen die Fronten geschickt. Alles war ein Spuk gewesen. Die Soldaten spritzten auseinander, versuchten robbend oder in kurzen Sprüngen die schützenden Gräben zu erreichen. Auch mein Schotte war wie ich Deckung suchend im selben Trichter verschwunden. Sein jetzt dreckverschmiertes Gesicht lächelte nicht mehr, sondern war von Angst gezeichnet.
„Der Tanz geht los.“
Er reichte mir seine Hand.
„Hamish Kirk, ich habe mich nicht einmal vorgestellt. Ich hoffe, wir sehen uns in einem anderen Leben wieder. Behalten Sie ihre Menschlichkeit. Dann werden Sie überleben. Und vergessen Sie nie nach dem WARUM zu fragen. Leben Sie wohl!“
In seinem Lächeln lag noch einmal Güte. Er umarmte mich kurz. Dann schwang er sich über den Rand des Trichters und verschwand, bevor ich etwas sagen konnte. – Marie, ich wäre ihm in diesem Moment am liebsten gefolgt.
Als ich unseren Graben erreicht hatte, schlug die erste Salve der Briten in das Niemandsland.
Spät am Abend, ich war noch immer von der Begegnung mit dem Schotten seelisch gezeichnet, schlug ich den dünnen Band von Wilde auf, den er mir geschenkt hatte. Beim Blättern fiel ein Foto aus dem Buch. Es zeigte ihn mit seiner Frau und zwei  jungen Mädchen, seinen Töchtern, von denen er erzählt hatte. Die eine war vielleicht elf oder zwölf Jahre alt und zeigte einen melancholischen Gesichtsausdruck wie ihre Mutter. Die andere schien  etwa fünf Jahre älter. Dieses Mädchen hatte das Lachen ihres Vaters und seine Augen. Das Mädchen war wunderschön, und ich verliebte mich sofort in dieses Gesicht. Marie, Du kennst dieses Foto.
Was soll ich über die folgenden Jahre schreiben? Ich war vor Verdun, kämpfte wieder in Flandern, wurde zweimal verwundet, erlebte Grabenkämpfe und hatte dabei immer die Angst, auf den Sergeanten zu treffen. Ich hätte ihn nicht getötet, denn sein Lachen und seine Worte begleiteten mich jeden Tag, wie das Bild, das ich in meiner Feldbluse trug. Ich liebte dieses Mädchen, obwohl ich nicht einmal seinen Namen kannte. Überhaupt habe ich in diesen Jahren nur aus Notwehr getötet, nie willen- oder wissentlich einen Menschen ermordet. Es waren fürchterliche Jahre. Ich werde sie nie vergessen.
Im November 1918 wählte man mich in den Soldatenrat meiner Kompanie. Im Felde unbesiegt, zog sich die deutsche Armee zurück. Es war Schwachsinn, was die Heeresleitung verkündete. Wir waren besiegt, jeder von uns hatte seine eigene Niederlage erlebt, aus der er seine Schlussfolgerungen gezogen hatte. Die meisten waren froh, dass sie noch lebten, hofften, nie wieder einen Krieg erleben zu müssen. Doch noch immer gab es Kameraden, die nicht aus ihren vaterländischen Träumen erwacht waren. Als verlorener Sohn kam ich in mein Elternhaus zurück und hatte doch mehr als mein verzweifelter Vater und meine verstörte Mutter, die die kaiserlose Zeit nicht begriffen, erlebt. In diesen Monaten befand ich mich in einer Zwischenwelt.  Ich wollte nach Schottland, mich vergewissern, dass Sergeant Kirk überlebt hatte und seine wunderschöne Tochter sehen. Ihm sagen, dass ich seine Worte beherzigt hatte. Doch die Zeit war noch nicht so weit, der Hass gegen die Deutschen zu groß. So studierte ich seine Sprache an der Universität, das Bild seiner Familie immer bei mir tragend. Marie, ich weiß, nie konntest Du Dir vorstellen, dass ich so an diesem Bild hing, dieses Mädchen liebte. Ich kannte ihre Stimme nicht, wusste nicht einmal, ob sie überhaupt noch frei war. Mir war es egal, ich wollte sie sehen.
Dann im Herbst 1921 winkte mir das Glück. Ein alter Onkel, der vor Jahrzehnten nach Mecklenburg County gegangen war, vererbte meiner Familie eine große Summe Dollar. Mein Weg war klar, als meine Eltern mir einen Anteil auszahlten. Ende Oktober brachte mich ein Schiff nach London. Ich betrat eine für mich völlig neue Welt.
Mein Englisch war gut, so konnte ich zu den unzähligen Studenten, die aus den Kolonien kommend, in ihrem Mutterland weiterstudieren wollten, gehören. Ein Zug brachte mich nach Glasgow.
Marie, ich will mich kurz fassen und nicht meine Eindrücke schildern. Du kennst die Stadt, auch unsere Kinder waren oft in Schottland. In Glasgow angekommen, war es nicht schwierig, die Adresse des Sergeanten zu erhalten. Zunächst war ich enttäuscht, denn Dr. Kirk, wie er hier genannt wurde, hatte seine Stelle an der Macintosh School of Art aufgegeben und lebte jetzt mit seiner Familie auf Bute, einer kleinen Insel in der Bucht von Glasgow. In Rothsay hatte er eine Pension gekauft, die seine Frau mit den Töchtern führte, während er in den Bergen malte. Die Fähre ging von Wemyss. Ich saß zwischen älteren Herrschaften, die auf der Insel einige Tage verleben wollten. Man sprach mit mir über Kricket und Pferderennen, wunderte sich, dass ich so weltfremd wirkte. Trotzdem  ahnte niemand, woher ich kam. Das war gut, denn in ihren Erzählungen hörte ich auch den Hass auf Deutschland. Wer konnte ihnen diesen nicht verdenken?
Rothsay war damals einer der typischen Badeorte an der schottischen Küste. Die viktorianischen Villen reihten sich entlang des Boulevards, gepflegte Vorgärten, sogar Palmen sah ich auf der Promenade. Die Pension war schnell gefunden. Als ich den Dienstmann entlohnt hatte, begann mein Herz wild zu klopfen. Für einen Moment sammelte ich mich, die wenigen Stufen waren schnell genommen.
Die Außentür war geöffnet, der Innenflur mit Bildern und einem kleinen Wandtisch strahlte ein heimisches Gefühl aus. Dann sah ich das Mädchen, welches ich seit Jahren auf dem Foto liebte. Es sah wie auf dem Bild und doch ganz anders aus. Groß und schlank, die dunklen Haare hochgesteckt, eines der damals modernen Reformkleider  tragend, stand die Tochter des Sergeanten hinter dem Tresen des Empfangs, las in einer Zeitung und blickte auf, als die Eingangstür hinter mir zuschlug. Für einen Moment schloss ich die Augen. Marie, ich weiß, jetzt würdest Du wieder rot werden und unsere Enkel würden Dich necken. Marie, dieses Lächeln hast Du bis zu Deinem letzten Tag gehabt.
Ich bat um ein Zimmer, erzählte, dass ich für einige Monate auf der Insel bliebe, um ein Buch zu schreiben. Dann wolltest Du meinen Pass sehen. Mir war klar, dass alles verloren war. Aber irgendjemand wollte das nicht, denn im selben Moment kam Dein Vater aus dem kleinen Raum hinter der Rezeption und begrüßte mich. Der Sergeant wirkte älter, aber das Lächeln war dasselbe geblieben. Sein Blick musterte mich interessiert. Ich war aufgeregt, doch er hatte mich nicht erkannt. Wir wechselten einige Worte miteinander. Alles würde gleich vorbei sein. Dann wollte auch er meinen Pass sehen. Wieder half mir eine unbekannte Macht, ein Poltern schallte von oben, dann ein Schrei. Meine Hand, die schon an meiner Brusttasche war, sank herab. Die folgenden Sekunden wirken noch heute wie einzelne Bilder auf mich. Ich drehte mich um, auch der Sergeant und seine Tochter eilten den Flur entlang zur Treppe. Als ich auf dem oberen Flur ankam, waren sie schon dabei, eine alte Dame aufzurichten, die gestürzt war.
Nachdem wir sie versorgt hatten, alles hatte schlimmer geklungen, als es wirklich gewesen war,zeigtest Du mir mein Zimmer, ohne dass ich eine Anmeldung ausgefüllt hatte.
Wie es weitergehen sollte, wusste ich nicht. Ich hatte Dich gefunden, Marie, und Deinen Vater. – Ich will mich kurz fassen. Dein Vater erkannte mich auch in den nächsten Wochen nicht. Ich begann wirklich zu schreiben, schrieb über den Krieg, meine Erlebnisse, was ich aus ihnen gelernt hatte. Ich wanderte viel, spürte, wie ich zur Ruhe kam und begriff beim Schreiben, dass ich aktiv gegen das Völkermorden werden wollte. Traf ich Dich im Haus, lächeltest Du mir zu, wir wechselten einige freundliche Worte.
Marie, wie ich dann bewegt war, hast Du nie bemerkt. Ich warb um Dich, nur vorsichtig.  Sonst versuchte ich allen aus dem Weg zu gehen.
An den Abenden saßen die wenigen Pensionsgäste im Salon zusammen, spielten Bridge, lasen in den englischen Zeitungen und tranken Cherry. Ich hielt mich abseits, beantwortete auch Fragen, bemühte mich dabei, meine deutsche Herkunft nicht zu verraten. Natürlich wurde über den Krieg gesprochen, ich hörte viel Hass auf die Deutschen. An einem Abend war auch Dein Vater in der Runde. Wir hatten uns bisher kaum gesehen. Warum ich mich noch immer nicht zu erkennen gegeben hatte, weiß ich nicht mehr. Die Angst aus dem Haus geworfen zu werden, weil ich Deutscher war?
Jedenfalls saß ich an diesem Abend alleine, als die alten Herren sich über den Kaiser und Hindenburg lustig machten und mit ihren Kriegserlebnissen prahlten. Einer der Männer sprach Deinen Vater auf den Krieg an. Ich verstand Deinen Vater nicht, sah nur, wie er aufstand. Sein Blick war zornig. Unsere Augen begegneten sich, und sofort hatte er sich wieder unter Kontrolle. Er kam auf mich zu, zum ersten Mal schien er mich ausgiebig zu mustern. Ich sah förmlich, wie sein Hirn arbeitete. Dankend nahm er meinen angebotenen Platz an. Ich weiß nicht, über was wir uns unterhielten, jedenfalls unterbrach er plötzlich seinen Satz, schaute mich nachdenklich an.
„Sie erinnern mich an einen jungen Mann, den ich Weihnachten 1914 in den flandrischen Gräben begegnet bin. – Aber das kann nicht sein.“ Mit einer Geste schien er seinen Gedanken wegwischen zu wollen.
„Entschuldigen Sie, ich will nicht vom Krieg erzählen.“ Er wies auf die Herrschaften am großen Tisch.
„Die Helden dort können es besser. Ich hasse den Krieg aus tiefstem Herzen.“
„Ich auch, Mr. Kirk, ich auch.“
„Das freut mich junger Mann. Wenigstens ein normaler Mensch in dieser Runde. Entschuldigen Sie mich.“
Damit stand er auf, nickte mir zu und verließ den Raum.
Dein Vater war nach meinem Eingeständnis, dass ich den Krieg genauso wie er hasste, wie ausgewechselt. Er wurde mit jedem Tag freundlicher, und auch Du warst verwandelt, öffnetest Dich mir, wurdest auf meinen Wanderungen zu meiner Begleitung. Ich war darüber froh, aber auch in ständiger Sorge Dich belügen zu müssen. Meine Zeit, mich zu offenbaren, war noch nicht gekommen.
Marie, natürlich erinnerst Du Dich an den Weihnachtsabend in Eurer Pension. Die meisten Gäste waren mit der Fähre nach Glasgow zurückgefahren.
Die alte Miss Berney, auch noch vier oder fünf der pensionierten Offiziere mit ihren verwelkten Frauen, saßen in dem weihnachtlich geschmückten Salon zusammen. Es gab den obligatorischen Truthahnbraten. Danach zogen sich die Herren satt und zufrieden mit ihren Zigarren und Sherrys in die Bibliothek zurück, während die Damen mit Deiner Mutter zusammensaßen. Nur Du warst mit in die Bibliothek gekommen, obwohl Mr. Davis Dich strafend angesehen hatte. Die Herren schwelgten wieder in ihren Kriegserinnerungen. Oft ging der Blick Deines Vaters zu mir. Er sah, dass ich mich unwohl fühlte, er hielt sich auch aus den Gesprächen heraus, bis er von einem der Herren, ich weiß nicht mehr, wer es war, auf seine Kriegserlebnisse angesprochen wurde.
„Nun, Dr. Kirk, Sie haben die Hunnen doch auch mächtig versohlt? Wo haben Sie gedient?“
Ein Schatten huschte über das Gesicht des Hausherren.
„Versohlt, kann ich nicht sagen. Sicher, ich habe mich gewehrt. Aber die meisten von ihnen waren  Menschen wie wir und wären lieber bei ihren Frauen und Müttern geblieben. Ich habe den Krieg gehasst, hasse ihn auch heute. Und glauben Sie mir, viele von den Deutschen haben ihn auch gehasst.“
Marie, Dein Vater hatte wieder dieses Lächeln, wie ich es liebte, während die anderen Herren erstaunt, auch entrüstet taten.
„Wie kommen Sie darauf, Dr. Kirk?“, wollte einer der Herren wissen.
„Nun, ich will Ihnen erzählen, wie ich das Weihnachtsfest 1914 verbracht habe.“
Der Doktor lehnte sich vor, schaute mir dabei in die Augen. Marie, ich wusste in diesem Moment, dass er mich schon vor Tagen erkannt hatte, und ich wusste auch, dass jetzt mein Augenblick gekommen war. Dein Vater hatte das in meinen Augen gelesen, denn er nickte mir fast unmerklich zu.
„Bitte warten Sie, Dr. Kirk, ich möchte Ihnen erst meine Geschichte erzählen.“ Erstaunt musterten mich die alten Herrschaften. – Marie, Du hattest vor der Bücherwand gestanden und wandtest Dich mir zu. Neugier war in Deinem Blick. Der Schein der kleinen Lampe, die auf dem Sims des Kamins stand, warf ein weiches, warmes Licht auf Dein Gesicht. Ich sehe Dich immer wieder vor mir.
Die Herren raunten, doch Dein Vater ermunterte mich. Zu Beginn meiner Erzählung war ich nervös, doch dann kamen meine Sätze sicher, auch als die Gäste mich unterbrechen wollten. Ich sprach weiter, während Dein Vater die Herren ermahnte, sah dabei, wie sich Dein Blick veränderte, Deine Augen schauten erst warm, dann fast mit Liebe. Als ich geendet hatte, breitete sich für einen langen Moment Schweigen im Salon aus. Alle schauten auf mich, auch die Damen waren inzwischen aus dem Nebenzimmer gekommen und standen bei ihren Männern. Ich fühlte mich gut, mir war egal, wie die Reaktion der Briten werden würde. Dann brach der Sturm los. Lügner, Verräter, Scharlatan, Hunne waren nur einige Worte. Die Stimme des Doktors zerschnitt schließlich das Schimpfen.
„Meine Herren, ich sprach davon, dass die Deutschen auch Menschen sind. Hier sehen Sie einen Deutschen, der sein Gesicht, seine Seele im Krieg behalten hat. Sie sollten sich vor ihm verneigen und ihn nicht beschimpfen. Benehmen Sie sich wie kultivierte Briten. Er hat uns nicht belogen. Hat er vor einem von Ihnen behauptet Brite zu sein?“
Er stand auf, trat zu mir und reichte mir seine Hand.
„Ich bin beeindruckt von Ihrer Gesinnung. Wären an allen Fronten viele Menschen wie Sie gewesen, wäre der Krieg schnell beendet worden.“
Dann ging er an den Tisch, nahm ein Glas, reichte auch mir eins, während Du die Gläser der anderen Damen und Herren fülltest, die noch nicht beruhigt schienen. In mir breitete sich eine große Ruhe aus. Mir war in diesem Moment bewusst, was ich machen musste. Der Doktor hob sein Glas und schaute in die Runde.
„Meine Damen, meine Herren, auf den Frieden dieses Abends, auf den Frieden der Welt, dass niemals wieder ein Krieg ausbrechen wird.“
Zögernd nickte man sich zu und trank, wohl, um nicht den Gastgeber zu brüskieren. Marie, Du lächeltest mir zu, und Deine Augen sagten mir alles.
Die Herren hielten sich nicht mehr lange auf an diesem Abend. Mit mir sprach nicht einer von ihnen.  Aber ich saß mit Dir und Deiner Familie noch lange zusammen.
Was soll ich noch groß erzählen? Im Frühjahr ging ich nach Deutschland zurück und trat der Deutschen Friedensliga bei, Dein Vater hatte mit Gleichgesinnten wenige Monate zuvor  den „War Resisters’ International“ in Großbritannien gegründet. Du kamst im November, drei Monate später heirateten wir und lebten in Berlin. Nicht einmal zwölf Jahre konnten wir zusammen sein. Als mich die Nazis im Frühjahr 1933 holten, lächeltest Du tapfer, obwohl unsere Herzen zerbrachen. Drei Jahre später ließen sie mich frei, und wir konnten mit unseren Söhnen nach Dänemark, von dort aus nach Schottland flüchten. Deine Eltern lebten nicht mehr. Vielleicht war es gut so. Dein Vater wäre an seinem zerbrochenen Traum gestorben, denn wieder tobte ein Krieg, wogegen wir doch so gekämpft hatten. 1950 kehrten wir nach Deutschland zurück. Wieder wurde aufgerüstet, wieder gab es Kriege auf der Welt. Nun kämpften unsere Söhne mit uns für die gemeinsame Idee des Friedens. Immer wieder sah ich die Erlebnisse des Weihnachtsabends 1914 vor mir. Jetzt haben wir Enkelkinder, die sich für den Frieden einsetzen. Marie, unsere Saat ist aufgegangen, Du würdest dich freuen, wenn Du sie hören würdest. Sie waren im Bonner Hofgarten, demonstrierten dort mit Hunderttausenden gegen das Aufrüsten. Sie sind voller Kraft, nicht so wie ich. Ich bin so müde, Marie. Morgen ist der Heilige Abend, genau siebzig Jahre ist es her, als ich Deinen Vater kennenlernte. Marie, du wirst mir morgen noch mehr fehlen.

Es herrscht Frieden!